Wer bin ich ohne die Essstörung?

Wer bin ich eigentlich ohne meine Essstörung? Ich denke, bevor du dir diese Frage stellst, wer bin ich ohne die Essstörung? Solltest du dir als erstes mal die Frage stellen wer bin ich überhaupt? Und wer will ich eigentlich sein? Denn ganz ehrlich, wenn die Essstörung nicht mehr da ist, muss diese Lücke auch gefüllt werden, die die Essstörung so lange gefüllt hat. Also wenn du gerade an diesem Punkt in deinem Leben bist, an dem du dich fragst, wer du eigentlich bist bzw. wer du sein möchtest, bedeutet das, dass du vom Kopf schon so weit auf deinem Heilungsweg bist, dass du dir vorstellen kannst, dass es dich ohne Essstörung gibt. Auch, wenn du noch nicht wirklich weißt, wie dieses Ich aussieht.

„Das Problem ist nämlich, dass wir während der Essstörung so viele Verhaltensweisen annehmen, die uns eigentlich total fremdbestimmt handeln lassen.“

Ich persönlich habe mich nie insoweit mit der Essstörung identifiziert, dass ich dachte ich wäre die Essstörung, vielleicht auch weil ich mir nie eingestehen wollte, wie sehr sie mich und mein Leben einnimmt. Aber als ich an meinen letzten großen Tiefpunkt ankam, stellte ich mir die Frage: „Wer bin ich überhaupt“. Ich hatte keine Antwort darauf, ich wusste nur, dass ich nicht wusste, wer ich war. Das Problem ist nämlich, dass wir während der Essstörung so viele Verhaltensweisen annehmen, die uns eigentlich total fremdbestimmt handeln lassen. Wir entscheiden nicht aus unserer Intuition heraus und haben kein Gefühl für uns selbst. Doch, bevor du dir die Frage stellst: „wer bin ich ohne die Essstörung“ solltest du dir die Fragen stellen: Was bedeutet dieses Ich eigentlich? Wo fängt es an, wo hört es auf? Was umfasst es? Bin ich mein Körper? Oder bin ich vielleicht viel mehr als das?

Und ich weiß, wie unfassbar viel Angst das machen kann, nicht zu wissen, wer man ohne die Essstörung ist. Was man mag, oder was man vielleicht auch kann. Das liegt aber unter anderem daran, dass man gar keine Zeit und keinen Platz hat, um das herauszufinden. Weil die Essstörung so viel Raum im Leben einnimmt, dass wir keine Möglichkeit haben, überhaupt darüber nach zu denken.

„Erst wenn du diesen Schritt gehst, um herauszufinden, wer du bist, kannst du die Essstörung ein Stück weit loslassen.“

Es geht auch nicht darum zu wissen, wer du sein willst, wenn du die Essstörung loslässt. Du kannst es währenddessen herausfinden. Und ich versichere dir, dass du das wirst. Das bedingt sich auch irgendwie gegenseitig. Erst wenn du diesen Schritt gehst, um herauszufinden, wer du bist, kannst du die Essstörung ein Stück weit loslassen.

Vielleicht identifizierst du dich nicht mit der Essstörung, sondern mit deinem dünnen Körper. Vielleicht denkst du, dass du nur liebenswert und wertvoll bist, wenn du einem bestimmten Ideal entsprichst.

Ich war lange der festen Überzeugung, dass ich nicht mehr bin als mein Körper. Dass ich mich darüber definieren muss, weil ich nichts anderes habe. Dass ich nichts kann, außer dünn zu sein. Wenn Menschen über mich gesprochen haben, wurde ich für meinen schlanken Körper und mein Ausshene gelobt. Und deswegen ist es auch so unfassbar schwergefallen diesen dünnen Körper loszulassen. Weil ich dachte, dass da nichts weiter ist. Ich weiß, wie schwer es ist sich von diesem dünnen Körper zu verabschieden, wenn man in der Heilung zwangsläufig zunimmt.

Aber die Essstörung ist ja weitaus mehr als der dünne Körper, wir projizieren jedoch all das auf ihn. Auch wenn wir kein bestimmtes Gewicht anstreben, streben wir immer einem bestimmten Ideal an. Der Körper wird instrumentalisiert und für all das was in uns nicht richtig läuft, benutzt. Es ist nun mal der einfachere Weg sich von den eigenen Gedanken und Gefühlen abzulenken in dem wir unseren Körper dafür nutzen, um ein Stückweit Kontrolle über das Chaos zu erlangen.

„Du, deine Seele wohnt in diesem Körper, du bist aber nicht dieser Körper. „

Um dich Fragen zu können “Wer bin ich ohne die Essstörung?“ musst du erkennen, dass du nicht dein Körper bist. Sondern, dass du einen Körper hast. Ich weiß, dass das jetzt erstmal komisch klingt.

Wie ich bin nicht mein Körper? Lass es mich anders ausdrücken:
Du, deine Seele wohnt in diesem Körper, du bist aber nicht dieser Körper. Dein Körper ich quasi das Zuhause, das dir geschenkt wurde damit deine Seele darin wohnen darf. Wir haben diesen Körper als Möglichkeit bekommen, um hier auf der Erde diese Erfahrung zu machen. Dieses Leben zu leben. Dein Körper ist hier als dein Verbündeter. Als dein Weg Begleiter bis ans Ende deines Lebens.

Du hast diesen Körper, um all die Erfahrungen auf dieser Erde machen zu können. Dabei ist es vollkommen egal wie dieser Körper aussieht. Oder was dieser Körper hat oder vielleicht nicht hat.

In einer meiner Instagram Storys, hatte ich mal das Beispiel gemacht: Dass wir unseren Bauch einfach mal unseren Bauch sein lassen sollen, so wie wir unsere Füße auch einfach unsere Füße seinlassen. Wir würden doch auch nicht auf die Idee kommen, unsere Füße um zu operieren oder unseren großen Zeh dafür zu kritisieren, dass er heute besonders dick aussieht.

Versuche doch mal nett zu deinem Körper zu sein. Versuche auf eine Art mit ihm zu sprechen, so als würdest du ihn wirklich für alles Wertschätzen was er jeden Tag schafft. Denn mal ehrlich unserer Körper ist ein absolutes Wunder, wie er jeden einzelnen Tag, seitdem wir unseren ersten Atemzug gemacht haben, für uns arbeitet. Jede Sekunde jede Minute lässt, er unser Herz schlagen und das Blut durch unseren gesamten Körper transportieren.

 

Auch wenn dir das anfangs wahrscheinlich schwerfällt, solltest du versuchen in einer neuen Art mit dir selbst zu sprechen. Um Step by Step zu lernen, dass du nicht dein Körper bist. Sondern so viel mehr als das.

Wenn du dich zum Beispiel nicht wohl fühlst, weil du das Gefühl hast zugenommen zu haben. Das sag nicht: Ich bin dick. Sage dir: Mein Körper hat zugenommen. Du bist auch nicht Fett: Sondern dein Körper hat Fett. Das hat aber keinerlei Bedeutung, wir geben diesem „Fett“ erst eine Bedeutung.

Wenn du das Gefühl hast, dass es dir schwerfällt deinen Körper wirklich bewusst wahrzunehmen und ihn gesondert zu betrachten, kann ich dir Meditation wirklich empfehlen. Dazu gibt es die Body Scan Übung, wo es darum geht deine einzelnen Körperteile zu spüren und wahrzunehmen.

Wenn du erkennst und wirklich fühlen kannst, dass du nicht NUR dein Körper bist, hast du einen riesigen Schritt auf dem Heilungsweg geschafft.

Denn erst, dann kannst du die Identifizierung mit der Essstörung Schritt für Schritt los lassen. Wie gesagt, die Essstörung erfüllt ja einen Zweck, deshalb kannst du nicht einfach sagen, ab morgen esse ich wieder normal, wenn du nicht die entsprechenden, Werkzeuge an die Hand nimmst.

„Die Essstörung gaukelt dir nur eine Art Sicherhit vor, die aber in Wahrheit nicht mal ansatzweise existiert. Denn in Wahrheit, ist es ein Leben in Gefangenschaft, voller Ängste und Zwänge.“

Ich weiß, dass es unglaublich viel Angst machen kann nicht zu wissen was mit dir passiert, wenn deine Essstörung nicht mehr Teil deines Lebens ist. Du musst auch nicht von 0 auf 100 dein Leben verändern, es ist vielleicht hilfreich zu wissen, dass du kleine Steps machen darfst um dich so nach und nach in ein Leben ohne die Essstörung zu begeben. Denn versuche es mal von der anderen Perspektive zu sehen, du kannst sein, wer du willst. Du hast alle Möglichkeiten dieser Welt und glaube mir, das Leben mit der Essstörung ist kein richtiges Leben, die Essstörung gaukelt dir nur eine Art Sicherhit vor, die aber in Wahrheit nicht mal ansatzweise existiert. Denn in Wahrheit, ist es ein Leben in Gefangenschaft, voller Ängste und Zwänge. Du wirst nie dein volles Potenzial ausschöpfen können, wenn du weiterhin an ihr festhältst.

Meine Essstörung hat immer sehr viel in „Was wäre, wenn.“-Szenearien stattgefunden. Ich habe mich um Dinge gesorgt, die noch überhaupt nicht eingetreten sind. Hing in der Vergangenheit und Situationen, in denen ich Fehler gemacht habe, oder Sorge mich um die Zukunft und was passieren könnte. Eigentlich war ich nie im hier uns jetzt. Was mich dementsprechend nie mit mir selbst in Kontakt kommen ließ.

Ich weiß, dass diese Frage: „Wer bin ich ohne die Essstörung?“ große Angst machen kann. Weil man das Gefühl hat, dass man nichts ist, wenn die Essstörung nicht mehr da ist. Dass man nichts wirklich gut kann oder mag. Und tatsächlich habe ich mir diese Frage erst gestellt als ich anfing mich auf den Heilungsweg zu begeben. Weil ich durch die Zunahme und die Zeit die ich plötzlich hatte, gar nicht wusste, was eigentlich bliebt, wenn dieser riesige Teil meines Lebens nicht mehr meinen Alltag bestimmt. Aber versuch dich doch mal zu fragen: Wer möchte ich ohne die Essstörung sein? Gibt es Dinge, die ich wichtig finde? Gibt es Dinge, die mich vielleicht interessieren?

Oder vielleicht auch: Was hat mich früher interessiert? Gibt es Anteile, die ich irgendwann abgelehnt hatte. Die ich aber ganz gern mochte. Und ist das immer noch so? Oder finde ich das jetzt vielleicht langweilig? Auch wenn es am Anfang schwerfällt, weil du keine Konstante erkennen kannst, versuch dich da langsam heranzutasten. Probiere dich aus. Versuche neue Dinge. Fang einfach an, denn wenn du nicht anfängst, kann es auch nicht besser werden. Du musst nicht sofort herausfinden was du magst, aber du kannst es nur herausfinden in dem du auf die Suche gehst.

Mir hat es tatsächlich geholfen, mich zu fragen, wer ich vor die Essstörung war. Wie war ich? Was hat mich freue bereitet? Und Wobei habe ich mich wie ich selbst gefühlt?

Es ist okay Angst zu haben. Alles, was wir nicht kennen, macht uns zu einem bestimmten Teil Angst. Das ist auch gut, denn dadurch wissen wir, dass es in die richtige Richtung geht. Entwicklung passiert nun mal außerhalb unserer Komfortzone.

„Ich glaube viel wichtiger als die Frage: Wer bin ich ohne die Essstörung? Ist die Frage: Wer erlaube ich mir zu sein?

Wir dürfen uns immer weiterentwickeln. Wir dürfen uns verändern. Wir dürfen Dinge mögen, die wir irgendwann nicht mehr mögen. Wir dürfen Dinge ausprobieren, die wir früher niemals ausprobiert hätten.

Ich war beispielsweise immer der Meinung, ich wäre sportlich und die täglichen Sporteinheiten würden mir Spaß machen, bis ich eine Lange Sportpause eingelegt hatte und gemerkt habe, dass mir nichts fehlt. Natürlich habe ich noch einige Anläufe gemacht, weil ich dachte, ich habe doch immer Sport gemacht warum also nicht mehr? Bis ich gemerkt habe, dass mir der Sport wie bisher keine Freude macht. Anfangs fiel es mir ziemlich schwer, das zu akzeptieren. Denn gerade bei Dingen die Gesellschaftlich so etabliert sind, die uns aber nicht Spaß machen, einfach nicht zu tun, kann sich am Anfang falsch anfühlen.

Ich glaube viel wichtiger als die Frage: Wer bin ich ohne die Essstörung? Ist die Frage: Wer erlaube ich mir zu sein?

Vielleicht gibt es bestimmte Aktivitäten oder Kleidungsstile, die du eigentlich gerne ausprobieren möchtest, aber dich irgendwie nicht traust. Weil du denkst, dass es nicht zu dir passt. Weil du Angst hast, was andere von dir denken könnten.

Oder du hast dich so lange selbst klein gemacht, dass du gar nicht mehr weißt, was du wirklich möchtest.
Zunächst einmalmöchte ich dir sagen: Alle Gefühle sind okay. Unsicherheiten dürfen da sein. Angst darf da sein. Verwirrung darf da sein.

„Also wenn ich mir die Frage stelle, wer bin ich? Dann gibt es nur eine Antwort. Ja, viele.“

Lass die Vorstellung zu, dass es nicht eine Version von dir gibt. Sondern ganz viele verschiedene. Und all diese Versionen, diese unterschiedlichen Facetten, machen dich zu dir. Einzigartig und authentisch.

Kein Mensch ist immer gleich. Das ist auch überhaupt nicht möglich, denn wir erfüllen nun mal verschiedene Rollen in unserem Leben. Wir sind, Freundin, Arbeitskollegin, Tochter, Beziehungspartnerin, Mutter oder Unternehmerin. Da ist vollkommen natürlich, ich darf viele sein. Mal bin ich die spirituelle Isa, die Yoga macht, betet und meditiert. Dann gibt es die rationale Isa, die organisiert, erschafft und voll in Work Flow ist. Es gibt die total verrückte, lustige Isa und die ruhige kuschelige. Also wenn ich mir die Frage stelle, wer bin ich? Dann gibt es nur eine Antwort. Ja, viele. Denn ich habe mir erlaubt mehr als nur eine Version von mir zu sein.

Denn wenn du dir die Möglichkeit gibst dich immer wieder neu zu erfinden, gibst du dir den Raum zum Wachsen. Es ist nur wichtig, dass du im Kern immer weißt, dass du es dir selbst Wert bist, weil du immer du bist. Mit all den Macken, den Ansichten, Fähigkeiten und Leidenschaften.

Du musst das auch nicht allein herausfinden, du kannst dir dabei Unterstützung in Form von Therapie oder Coaching nehmen, um gemeinsam auf die Reise zu gehen.
Was würde dir helfen, um dich mehr mit dir selber zu befassen? Was hilft dir dabei dir Raum zu schaffen? Mir zum Beispiel hilft die Meditation. Oder Schreiben. Immer wieder den Blick nach innen zu richten und abzuklopfen.

  • Was ist mir eigentlich wichtig?
  • Welche Werte habe ich?
  • Was wünsche ich mir von anderen? Oder vielleicht auch: was wünsche ich mir von mir selber?
  • Mit welchen Gedanken fühle ich mich authentisch?
  • Welche Handlungen sind für mich selbstverständlich? Was ist mir wichtig?

Wie gesagt, du musst nicht heute wissen, wer du morgen sein willst. Und du musst dich auch nicht festlegen, wer du heute bist. Du kannst dich ausprobieren. Verschiedene Versionen von dir entwickeln. Gucken, womit du dich wohlfühlst. Oder feststellen, dass du dich mit bestimmten Dingen nicht wohlfühlst.

Ich weiß, dass du das schaffst. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal ein Leben ohne die Bulimie führen werde. Also wenn ich es geschafft habe, schaffst du es auch. Es ist nur wichtig, dass du dranbleibst. Gib dir Zeit. Du hast diese Zeit. Es muss nicht von heute auf morgen, super laufen. Denn gerade dann, wenn du deine Essstörung loslässt, wird sie wahrscheinlich lauter, weil sie sich bedroht fühlst und genau dann musst du weiter machen. Versuch den Druck rauszunehmen. Denn du bist die einzige Person, die sich diesen Druck macht. Dabei hast du alle Zeit und alle Freiheiten der Welt, um herauszufinden wer du ohne die Essstörung bist.

Du hast dein Leben verdient.

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