Rückfälle – War alles umsonst?

Seit dem Zeitprunkt als ich mich das erste Mal für Heilung entschieden hatte, bis zum Zeitpunkt meines letzten Rückfalls sind Jahre vergangen. Es gab nie diesen einen Moment, an dem ich mich entschieden habe, nun gesund werden zu wollen und 6 Monate später war ich dann geheilt.

Ja, so hatte ich es mir damals vorgestellt und gewünscht. Doch was dann kam, damit hätte ich nicht gerechnet. Während all meinen Rückfällen die teilweisen Monate anhielten verlor ich manchmal sogar die Hoffnung überhaupt irgendwann mal gesund werden zu können.

Mit jedem Rückfall wuchs der Selbsthass, ich hielt mich für schwach, für undiszipliniert und unfähig die einfachste Sache der Welt hinzubekommen. Das Essen! Wie konnte eine so natürliche Sache, für andere Menschen so einfach sein und ich scheiterte bereits an einem Snack.

Nach Jahren des immer selben Kreislaufs, fing ich an mir die Fragen zu stellen.

Aber warum werde ich eigentlich immer rückfällig? Wirklich nur wegen der Gewichtszunahme? Oder wegen anderen Dingen? Wie schaffe ich es mich nicht jedes Mal nach einem Rückfall weiter selbst zu bestrafen? Wie lasse ich mich davon nicht runterziehen? Und am wichtigsten: Mit welcher Strategie mache ich danach weiter?

Einen Rückfall zu haben, hat für mich lange Zeit bedeutet, dass ich alles kaputt mache, was ich mir erarbeitet habe. Ich zählte die Tage an denen ich keine Essanfälle hatte und notierte mir alles akribisch in meinen Kalender. Mit jedem gescheiterten Tag, verschwand jedoch die Hoffnung und ich warf alles wieder hin. Ganz nach dem Motto: Jetzt ist es ja sowieso egal. Jetzt habe ich sowieso schon aufgegeben.

Aber, es ist nicht egal. Ein schlechter Tag bedeutet nicht, dass du von deinem Heilungsweg abkommst. Ein Rückfall ist EIN Rückfall. Aber kein Grund um alles was du gelernt und geschafft hast aufzugeben oder abzuwerten.

Rückfälle passieren. Fehler passieren. Manchmal geben wir uns unseren Emotionen hin. Manchmal werden wir von unseren Gefühlen überwältigt und wissen nicht, wohin mit uns. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn mal ehrlich wir sind Menschen und keine Roboter. Wir müssen und können uns auch nicht immer kontrollieren. Unser Alltag besteht aus so vielen unvorhersehbaren Situationen, da ist es doch verständlich, dass uns mal etwas aus der Bahn werfen kann. Es ist nur wichtig, es zu merken, dir zu verzeihen und weiterzumachen.

Aber es sind nicht immer die Situationen im Außen. Nein, manchmal ist es auch einfach Trotz. Teilweise wusste ich ab einem bestimmten Punkt, dass das was ich mache, mir nicht guttut. Aber ich tat es trotzdem, weil ich mir selbst schlichtweg egal war. Mir war egal was mit mir passieren würde oder, dass ich mir selbst damit schade.

Das ist der Egoismus der Essstörung. Obwohl man weiß, was die Konsequenzen sind, obwohl man weiß, dass man sich danach unfassbar schlecht und wertlos fühlt, macht man es trotzdem.

Es ist ein Lösungsansatz, den wir irgendwann gelernt haben, sozusagen ein Automatismus der Essstörung. Bei dem wir wissen, dass er funktioniert. Es ist in diesen Momenten der scheinbar einfachere Weg.

Ich möchte hier aber einwerfen, dass Rückfälle nicht ohne Grund passieren. Es gibt immer einen tieferen Sinn, der dich wachrütteln möchte, um dir zu zeigen, dass du hinschauen musst und dass du dich noch nicht gründlich genug mit den Tiefen deiner Essstörung beschäftigt hast.

Auch wenn du einen Rückfall hast, geht das was du bislang gelernt und erreicht hast nicht verloren. Du musst nicht wieder von null anfangen. Du hast diese ganzen Erfahrungen schon gemacht. Du hast dieses Wissen. Nichts von alle dem geht verloren. Ich beschreibe es ganz gerne so: Stell dir vor für jeden Tag, auf dem du deinen Weg der Heilung gehst, sammelst du eine Münze. Dann hast du einen Rückfall, an diesem Tag sammelst du keine Münze und trotzdem bleiben dir, die bisher gesammelten Münzen. Das alles ist nicht weg. Rückfälle führen auf keinen Fall dazu, dass du wieder bei null anfangen musst.

Ich muss hier aber unterscheiden zwischen zwei Phasen, die mich persönlich immer begleitet haben. In der einen gab es Tage, an denen ich Rückfällig wurde und Tage, an denen ich Symptomfrei war. In der anderen Phase hielten die Rückfälle zum Teil Monate an, an denen sich jeder einzelne Tag wie Versagen anfühlte, weil ich keinen Tag Symptom frei war.

Ich frage mich heute noch, ob ich diese langen Phasen, auch als Rückfall bezeichnen kann. Weil es sich einfach, wie ein Rückfall angefühlt hat, der mir über Monate hinweg den Kopf vernebelte und ich scheinbar keinen schnelleren Weg rausfand.

Irgendwie hatte ich auch die meiste Zeit meiner Bulimie den Willen, endlich frei zu sein. Es war wie ein schleichender Prozess raus.

In all dieser Zeit habe ich mich weiterentwickelt. Ich habe unzählige Wege ausprobiert. Ich habe mich an Ernährungspläne gehalten. Dann habe ich versuche meine Ernährung umzustellen, achtsamer zu essen und nur noch gesund. Denn ich dachte, mit gesunden Lebensmitteln vermeide ich das schlechte Gewissen und Essanfälle. Fehlanzeige. Der Weg über das Essen war wohl nichts. Also widmete ich mich meiner inneren Welt. Ich suchte meinen Frieden in der Spiritualität, im Veganismus im Aktivismus und im Feminismus. Aber wieder nur Fehlanzeige. Nichts von alle dem ging lange gut.

Ich kann aber nicht sagen, dass all diese Wege und Versuche fehlgeschlagen sind. Denn sie alle haben mir etwas beigebracht und am Ende konnte ich mit all den erlernten Tools meinen eigenen Weg zusammenstellen. Der letztendlich nur für mich geeignet war. Denn was ich an dieser Stelle sagen muss ist, dass jeder Weg aus der Essstörung individuell ist. Jeder Mensch braucht was anderes. Deshalb können wir uns auch nicht mit anderen vergleichen.

Um aber deinen ganz eigenen Weg der Heilung gehen zu können braucht es eine Menge Reflektionsarbeit. Um zu erkennen, wie du es schaffen kannst, den Grund hinter deinen Rückfall zu erkennen, für dich zu überwinden und vielleicht sogar daraus zu lernen und daran zu wachsen. Ist es wichtig zu verstehen, warum und wie du rückfällig geworden bist.

Meistens sind Rückfälle mit bestimmten emotionalen Situationen verbunden. In solchen Momenten bleibt als erste bekannte Lösung oft nur die instinktive Flucht. Die Rückkehr in alte Verhaltensmuster. Denn diese negativen Erfahrungen bestärken deine negativen Glaubenssätze, die bestärken dein mangelndes Selbstwertgefühl. Es ist auch eine unterbewusste Form der Selbstbestrafung.

Durch diese instinktiven Verhaltensmuster fühlt man sich in den eigenen inneren Überzeugungen bestätigt. Ganz nach dem Motto: War mir ja klar, dass ich nicht gut genug bin. Oder: Ich wusste, dass ich am Ende eh wieder allein gelassen werde.

Und durch die Flucht in die Essstörung, bestärkst du diesen Automatismus, dass nur dieser der einzig richtige Weg ist, um diesen Gedanken und Gefühlen zu entfliehen.

Und vielleicht bist du gerade an so einem Punkt: Fühlst dich einsam oder verloren und denkst dir: Wozu mache ich das eigentlich alles? Wozu soll ich gesund werden? Das hat doch überhaupt keinen Sinn.

Aber ich möchte dir sagen. Es macht einen Sinn, durchzuhalten. Denn ein Leben ohne die Essstörung ist einfach so unfassbar viel besser und lebenswerter.

Nein wirklich, du hast es verdient. Du hast ein Leben ohne die Essstörung verdient. Auch, wenn du es jetzt gerade noch nicht glauben kannst.

Vielleicht gibt es immer noch Anteile in die dir, die dafür sorgen, dass deine Essstörung unterbewusst weiterlebt. Die Essstörung zu heilen, bedeutet so viel mehr, als einfach nur an Gewicht zuzunehmen. Es ist völlig okay, sich die Zeit zu nehmen, bestimmte Dinge erst nach einiger Zeit anzuschauen. Allerdings neigen wir dazu Unangenehmes zu verschieben und uns eher damit zu arrangieren, als den Mut zusammenzunehmen und uns damit zu konfrontieren.

Die meisten meiner Rückfälle hingen auch damit zusammen, dass ich mich nicht getraut habe zu mir zu stehen und mich als wertvoll anzuerkennen. Ich hatte Angst meine Meinung zu sagen, weil ich dachte, abgelehnt zu werden. Ich hatte Angst mich zu konfrontieren, weil ich der Überzeugung war am Ende allein dazustehen. Ich hatte Angst davor Ich zu sein. Andere Rückfälle wurden aber auch dadurch bedingt, eine bestimmte Situation über mehrere Monate oder sogar Jahre akzeptiert zu haben, obwohl ich eigentlich sehr unglücklich war.

Vielleicht bist du immer noch in einem Job, der dir nicht guttut. Oder in einer Beziehung in der du unglücklich bist. Oder du lernst gerade für Prüfungen und bist komplett unter Druck und siehst die Essstörung als dein einziges Ventil.

Rückfälle passieren nicht nur weil man das Gefühl hat zugenommen zu haben. Auch wenn es oft die nahestehende Erklärung ist. Nein, denn hinter der Angst, zu genommen zu haben steht ein tiefer liegender Grund. Vielleicht hast du Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Vielleicht denkst du aber auch nur gut genug sein zu können, wenn du einem bestimmten Ideal entsprichst. Oder du nur gesehen wirst, wenn du hilflos aussiehst. Man wird rückfällig, weil emotional etwas nicht stimmt. Weil unsere Seele unglücklich ist.

Es ist so wichtig, dass du ehrlich zu dir selbst bist und den Grund dahinter erkennst. Welche alten Verhaltensweisen haben sich wieder eingeschlichen? Vielleicht offensichtlich? Aus Trotz? Vielleicht unmerklich? Vielleicht so, dass du sie mittlerweile wieder akzeptiert hast.

Hast du wieder angefangen dich zu wiegen? Versuchst du Mahlzeiten hinauszuzögern? Machst du wieder mehr Sport, um möglichst viele Kalorien zu verbrennen? Hast du dich nach dem Essen wieder erbrochen, weil du das Gefühl hattest, dass es doch “zu viel“ war?

Ich weiß, dass es schmerzhaft sein kann, sich selbst mit der Wahrheit zu konfrontieren. Aber für die Überwindung des Rückfalls ist es ein unfassbar wichtiger Schritt sich selbst einzugestehen, dass man in alte Verhaltensmuster zurückgefallen ist.

Ich weiß welche Scham es mit sich bringen kann, sich dahingehen zu öffnen. Ich habe mich selbst nie getraut über meine Rückfälle zu sprechen, weil ich dachte, dass ich eine Versagerin bin. Ich dachte die anderen würden total enttäuscht sein. Ich hatte Angst vor dem Schuldgefühl und der Scham. Jedoch wurden die Essanfälle dadurch nicht besser. Es war wie ein ewiger Kreislauf. Aus Rückfällen, Schuldgefühlen, Scham und Schweigen.

Die Entscheidung für Heilung zu treffen, bedeutet nicht, dass es beim ersten Mal funktioniert. Und das ist völlig okay.

Rückfälle sind nämlich die Norm und nicht die Ausnahme. Es ist normal, dass es Tage gibt, an denen es vielleicht nicht so gut funktioniert.

Hör auf dir diesen Druck zu machen. Heilung ist nicht gradlinig.

Einen Rückfall zu haben bedeutet nicht, dass du ein Versager bist. Oder, dass du schwach bist. Oder, dass du alle um dich herum enttäuscht hast.

Aber du musst dir eingestehen, dass es gerade nicht so gut läuft. Weil du, dann eine Lösung finden kannst. Du musst es auch nicht allein schaffen. Selbst wenn du nicht mit deiner Familie darüber reden kannst, gibt es Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst. Oder du sprichst mit Freunden oder beginnst ein Coaching. Das habe ich gemacht. Weil ich nicht wusste, mit wem ich offen sprechen kann, der mich nicht verurteilt. Somit war meine erste Anlaufstelle ein Coaching Gespräch. Bevor ich dann eine Therapie begonnen habe.

Es ist einfach so so wichtig, mit jemandem zu sprechen. Denn um all die Schichten für die Gründe eines Rückfalls zu ergründen, braucht es manchmal professionelle Hilfe die, dir Tools an die Hand geben kann, die dir vielleicht sonst nie eingefallen wären.

Mir hat dabei besonders das Schreiben geholfen. So konnte ich anfangen mich zu beobachten und zu reflektieren. Um es dann aufzuschreiben, denn während dem Schreiben sind mir meistens immer neue Erkenntnisse gekommen.

Ich weiß auch, dass aller Anfang schwer ist. Aber wenn du nicht anfängst, kann es auch nie einfacher werden.

Ich habe damals angefangen mir die Fragen zu stellen:

  • Wie fühle ich mich im Augenblick?
  • Welche Gedanken habe ich?
  • Bin ich müde oder erschöpft?
  • Habe ich gut geschlafen?
  • Was ist gerade in meinem Leben los, dass mein Selbstwertgefühl oder meine Emotionen stark beeinflusst?
  • Bin ich gestresst? Oder fühle ich mich ausgeglichen?
  • Höre ich auf meine Bedürfnisse? Welche Bedürfnisse habe ich eigentlich gerade?
  • Welche Themen beschäftigen mich?
  • Habe ich Angst vor der Zukunft?
  • Mute ich mir vielleicht gerade zu viel zu?

Du darfst dir diese Fragen ganz ehrlich beantworten und du brauchst auch nicht sofort Antworten zu finden.

Nimm dir bewusst nach jedem Rückfall Zeit dir diese Fragen zu stellen, um herauszufinden, wo gerade du dich in deinem Leben befindest und was den Rückfall erklären könnte.

Aber stelle dir diese Fragen nicht nur nach jedem Rückfall. Nein, denn es ist wichtig Rückfälle auch vorzubeugen und dir regelmäßig die Frage zu stellen, was du gerade wirklich brauchst.

Selbstfürsorge spielt auf dem Heilungsweg nämlich eine große Rolle.

Ich habe mir damals eine Art Rückfall Notfall-Liste geschrieben. Die mir gerade dann geholfen hat, wenn ich Emotional nicht mehr in der lange war darüber nachzudenken, was mir gerade helfen könnte. Denn es ist so, dass du dich nur bis zu einem bestimmten emotionalen Punkt noch aus dem Gefühl holen kannst. Alles was darüber hinausgeht schaltet auf Autopiloten. Dafür ist dann die Notfall-Liste da. Auf dieser Liste können dann Dinge stehen wie:

Das hat aber nicht immer geholfen und oft wurde ich trotz allem rückfällig. Was kann man also nach einem Rückfall tun? Wie schafft man es nach einem Rückfall weiterzumachen?

Dazu habe ich eine Antwort. Verzeihen.

Versuche dir zu verzeihen. Es ist passiert und du kannst es nicht ändern, oder rückgängig machen. Ich weiß, wie schwer es ist sich danach nicht noch mehr selbst zu verurteilen. Aber du darfst nach vorne schauen. Du bist nicht gescheitert und du darfst auch nicht alles hinschmeißen. Es ändert nichts an den Erfahrungen, die du gemacht hast. Nichts an all dem was du schon geschafft hast.

Versuche verständnisvoll mit dir zu sein. Rückschläge passieren. Aber es ist nicht das Ende der Welt. Und vor allem ist ein Fehltritt kein Grund, gleich alles über Bord zu schmeißen und blind zurück in die Essstörung zu laufen.

Du darfst diesen Rückfall als Chance sehen, genauer hinzuschauen. Was ist davor passiert? Es muss nicht mal ein unmittelbar vorheriges Ereignis sein. Bei mir waren es oft die Situationen vom Vortag die an mir genagt haben. Was kannst du also nächstes Mal tun, um besser auf dich zu achten? Welches Verhaltensmuster kannst du dir genauer ansehen und daran arbeiten? Welchen Gedanken wiederholst du immer und immer?

Versuche liebevoll mit dir zu sein. Auch wenn du es so oft schon gehört hast, aber versuche dich wie deine beste Freundin zu behandeln. Du würdest sie auch nicht für einen Fehltritt steinigen. Du würdest ihr gut zu reden, ihr vergeben und einen neuen Lösungsweg finden.

Es ist so wichtig, dass du dranbleibst. Dass du weitermachst. Tief durchatmest und wieder losgehst.

Der Weg kann manchmal ausweglos erscheinen und endlos ermüdend. Aber gebe dir Zeit, gebe dir Ruhe und gebe dir den Raum, um zu wachsen. Ich habe es auch geschafft und ich weiß, dass du es auch schaffen wirst.

Du bist auf dem richtigen Weg!

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