Meine Geschichte Teil 2

Ich verschlang buchstäblich Bücher über den Sinn des Lebens und ich fing an mich mit Spiritualität zu beschäftigen. Ich lernte, wie man meditiert und was Yoga ist. Ich lernte die EFT Methode (Klopfen). Aber vor allem fing ich anzuschreiben. Ich schreib das erste Mal seitdem ich ein Kind war, wieder in mein Tagebuch. Ich war voller Euphorie, weil ich wollte, dass sich endlich etwas ändert. Denn das Gefühl, dass ich während dem Seminar hatte, wollte ich wieder. Ich deinstallierte die Kalorien Tracking App auf meinem Handy und beschäftigte mich Umwelt Themen, wodurch ich auch aufhörte Fleisch zu essen.

Es ging Berg auf und die Leute um mich herum hörten auf sich zu sorgen und waren froh, dass ich wieder zunahm. Ich versicherte weiterhin jedem um mich herum, dass es mir gut ging. Aber ich ließ mir immer ein Hintertürchen offen, in dem ich nie ehrlich war. Ich erzählte niemanden von meinen Gedanken, von meinen Ängsten und auch nicht von meiner Bulimie. Ich war der Überzeugung, ich müsste es allein schaffen. Immerhin hatte ich mich in die Situation gebracht also musste ich es auch selbst raus schaffen. Aber vor allem habe ich alle davon überzeugt, dass ich gesund sei, wie hätte ich dazugeben können, dass ich Hilfe brauche. Nie im Leben würde ich dieses Geheimnis jemanden verraten, vorher würde ich lieber sterben. Ich wollte nicht verurteilt werden, ich hatte Angst abgelehnt zu werden. Und so schlich sich die Bulimie mal mehr mal weniger in meinen Alltag. Immer so weit, dass ich meinen Schein aufrecht halten konnte. Und wenn mich jemand auf die Bulimie ansprach, reagierte ich total angepisst und tat so als wäre mein Gegenüber total paranoid. Ich argumentierte immer mit meinem äußeren Erscheinungsbild und verwies immer darauf, dass ich doch ganz normal aussehe und wiege. „Du hast wieder abgenommen“ war für mich immer ein persönlicher Angriff mir meine Essstörung weg zu nehmen.

Ich merkte, wie es immer schwerer wurde Zuhause den Schein aufrecht zu halten, also hatte ich das Ziel endlich auszuziehen. Auf der anderen Seite hatte ich die Hoffnung mit meiner eigenen Wohnung, den Weg aus der Bulimie zu schaffen. Den die letzten 3 Jahre Zuhause flüchtete ich mich ständig nach draußen mit Freunden. War nur am Feiern, im Urlaub, auf Festivals und mit meinen Freunden unterwegs. Hauptsache ich lenkte mich ab. Denn wenn ich beschäftigt war, vergas ich die Bulimie und all die Gedanken und Gefühle, die ich hatte, sobald ich allein war.

Eine wichtige Sache möchte ich hier noch einschieben. Simona war immer noch in meinem Leben, doch das sollte sich ändern. Nach einem gemeinsamen Mädels Urlaub zu viert geschah etwas, dass ich mir schon seit der 5. Klasse wünschte. Als wir Zuhause ankamen, kam sie zu mir und ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr an das Gespräch erinnern, ich weiß nur noch, dass ich ihr sagte, dass ich sie nicht mehr sehen wolle. Und plötzlich verschwand sie aus meinem Leben und ich habe sie bis heute nicht einmal gesehen oder vermisst. Ich trauere dieser Freundschaft keine Sekunde nach.

Außerdem schaffte ich es, mich nach 6 Jahres Beziehung und gefühlt 100 weiteren Trennungen endlich endgültig von meinem Ex Freund zu trennen. Ich dachte endlich wird alles gut.

Aber eines hatte ich immer noch nicht verstanden. Das Problem lag nie im Außen.

Ich war für einige Monate Single und genoss diese neue Art von Freiheit. Ich weiß noch, dass ich einfach mal keine Gefühle für niemanden mehr haben wollte. Rückblickend sagte das viel über meinen Mentalen Zustand aus. Denn ich wollte einfach nichts fühlen, ich wollte keine Gefühle für niemanden haben. Also genoss ich weiterhin die Zeit. Die ich mit Feiern, Festivals Urlaube und Ständigem Unterwegs sein füllte. Aber ich war irgendwie wirklich glücklich. Die Bulimie lief nur so nebenbei wie ein leichtes Grundrauschen im Hintergrund. Ich arrangierte mich mit ihr sie war zwar da aber, beeinträchtigte mich nicht in meinen Freundschaften.

Ich erinnere mich sogar total gerne an diese Zeit zurück. Es war als hätte ich spüren können wie ein Leben ohne Bulimie aussieht. Dafür Danke ich meinen zwei besten Freundinnen Kata und Nata. Ohne sie wäre ich heute nicht der Mensch der ich heute bin.

Bis ich meinen Mann kennenlernte. Als wir uns begegneten war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber ich fand ihn nett und genoss seine Anwesenheit. Doch eigentlich wollte ich Single bleiben. Denn so wie mein Leben war wollte ich es auch beibehalten. Aber es kam alles anders. Er ließ irgendwie nicht nach und ich verliebte mich in ihn. Es war das erste Mal, dass ich einen anderen Mann liebte. Wir hatten einen unbeschreiblich schönen Sommer. Und so beschlossen wir bereits nach 6 Monaten zusammen zu ziehen. Das war nun meine Chance auch die Bulimie loszulassen. Dachte ich. Die ersten paar Wochen waren neu, waren aufregend und schön. Aber wie das immer ist, nahm ich meine Probleme mit. Der einzige Unterschied war nur, dass ich mit jemandem zusammenwohnte, der nichts von meiner Essstörung wusste. Wodurch sie sich so richtig ausleben, konnte.

Dazu kam, dass ich mich mit meinem neuen Job total unter Druck setzte. All die negativen Glaubenssätze um die in den letzten Jahren herumgeschlichen war, kamen nun an die Oberfläche. Ich wurde immer unsicherer. Die Schuldgefühle und die Einsamkeit wurden immer großer. Ich zweifelte immer mehr an der Beziehung und verstand nicht, wo die alte Isa hin war. Ich passte mich wieder nur noch an meine Umgebung an. Sowohl auf der Arbeit als auch in der Beziehung. Jeder Konfrontation ging ich aus dem Weg und zog mich immer weiter zurück. Die ganze Zeit stellte ich mich darauf ein Morgen gehen zu können. Ich entwickelte wieder den Wunsch für nichts und niemanden mehr Gefühle zu haben.

Die Bulimie nahm immer mehr Raum in meinem Leben ein. Bis ich kaum noch aus dem Bett kam.

Doch ich funktionierte weiter, es war so als würde ich in einem Hamsterrad feststecken, das nie anhielt. Selbst wenn ich nicht weiter gehen konnte, musste ich weiter machen. Niemand wusste, wie es mir wirklich geht. Wie denn auch, ich lebte zwei verschiedene Leben. Einmal die Fassade die gut drauf war, immer nett und sich nie beschwerte. Und Dann die andere Seite, die innerlich seit Jahren zerbrochen war und immer wieder alles irgendwie provisorisch zusammengehalten hatte. Ich war an meinem dritten Tiefpunkt angelengt. Ich konnte so nicht weiterleben, aber diesmal konnte ich mich nicht mehr selbst auf die Beine bringen. Ich nahm meinen letzten Mut zusammen und machte einen Termin zum Coaching aus.

Es war das erste Mal, dass ich wirklich ehrlich über alles sprach. Es war so ungewohnt. Noch nie hatte ich mit jemanden so ehrlich gesprochen. Dabei habe ich mich keine Sekunde verurteilt gefühlt. Ich wusste, dass ich mich öffnen muss, wenn ich heilen wollte.

Also machte ich kleine Stepps in Richtung Ehrlichkeit. Meinem Freund erzählte ich, dass ich eine Essstörung habe. Doch ich konnte ihm nicht sagen, dass ich Bulimie habe. Also erzählte ich ihm nur, dass ich emotional esse und sich meine Gedanken ständig ums Essen drehen. Es war zumindest ein Anfang. Doch dadurch wurde die Essstörung nicht besser, sondern lauter. Sie wehrte sich mit allem was sie konnte. Denn sie wurde bedroht. Also beruhigte ich sie, in dem ich sie da lies und mich meinen Inneren Verletzungen widmete.

Ich beschloss also eine Therapie zu beginnen. Diese Zeit war so intensiv wie keine andere.

  • Ich lerne überhaupt wieder eine Verbindung zu mir aufzubauen.
  • Ich lerne meine Gefühle neu kennen und ich ließ jede Emotion zu. Ich glaube so viel wie in dieser Zeit habe ich noch nie geweint.
  • Ich lernte aber auch meine Meinung zu sagen und mich zu konfrontieren ohne Angst vor Ablehnung zu haben.
  • Ich lernte mich neu kennen.
  • Ich lernte was ich gut kann und was ich eigentlich mag.
  • Oder aber auch nicht mag und wie ich nicht bin.
  • Ich lernte aber auch offen zu kommunizieren und ich erzählte meine Geschichte.

Die Liste ist lang und die Rückschläge habe ich irgendwann nicht mehr gezählt.

Denn wenn ich eines gelernt habe, dass Heilung nicht gradlinig ist.

Mein Heilungsweg hat 5 Jahre gedauert. Ich verlor oft den Weg aus den Augen, verlief mich und fand einen Weg zurück. In den vergangenen 3 Jahren habe ich einige Hürden bestreiten müssen, doch eines habe ich dabei immer beachtet: Ich habe mich zu meiner Priorität gemacht.

Ich habe angefangen mich anzunehmen. Mich kennen zu lernen und all die Eigenschaften, die ich immer abgelehnt hatte, anzunehmen. Irgendwann fühlte ich mich bereit und nach vielen Anläufen entschied dann die Bulimie loszulassen.

Die ersten Schritte waren wackelig, doch ich hatte gelernt zu laufen.

Und ich habe die Bulimie nicht mehr gebraucht.

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