Meine Geschichte Teil 1

Wer bin ich eigentlich? Ich bin vieles und ein Teil dessen erzähle ich dir hier.

Denn die Frage: Wer bin ich eigentlich. Habe ich mir bis ich mit bis ich 18 war nie gestellt, ich war immer super angepasst und stellte mich schnell auf mein Gegenüber ein weshalb ich selten ich selbst war. Für mich war es so selbstverständlich meine Persönlichkeit abzulehnen, dass ich mich mit meiner Angepassten Art irgendwann identifizierte.

Am besten Beginne ich mit meiner Geschichte in meiner Kindheit. Denn was ich heute weiß ist, dass die Eigenschaften die ich als Kind irgendwann abgelehnt habe, heute schätzen und lieben gelernt hab.

Ich war immer ein sehr introvertiertes Kind, das in seiner eigenen Welt lebte und sich dort am wohlsten fühlte. Denn ich konnte mich Stundenlang allein beschäftigen, in dem ich Bilder malte, oder mit Figuren spielte. Manchmal träumte ich einfach nur vor mich hin und irgendwie reichte mir das. Und als ich im Kindergarten meine beste Freundin Antonia kennenlernte, konnte es nicht besser werden. Wir waren uns so ähnlich, dass wir sofort auf einer Wellen länge waren. Ich glaube das war einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Wir spielen fast jeden Tag im Garten oder im Kinderzimmer, wo wir Figuren aus Papier ausschnitten und diese mit selbst gebastelten Klamotten anzogen. Und wenn der Tag zu Ende ging wollten wir nichts sehnlicher, als beieinander zu übernachten. Wir wollten einfach nie das der Tag endete. Bei ihr fühlte ich mich einfach wohl, ich konnte einfach ich sein.

Heute liebe ich diese sensible Seite an mir und weiß welche Stärke sich dahinter verbirgt.

Leider musste ich diese Stärke erst einmal finden.


Als die Schule begann und sich die Mädels in Gruppen aufteilen, fühlte ich mich irgendwie nie wirklich zu einer dazugehörig. Ich spürte irgendwie, dass ich anders war. Das war wohl der erste Moment wo ich mich hinterfragte, ob ich eigentlich richtig sei, so wie ich bin. Ich fing an mich zu schämen für die Art wie ich war. Ich fand meine Haare komisch, weil sie nicht so glatt waren wie die der anderen Mädchen. Ich fand meine Klamotten nicht so cool, wie die der anderen und als ich in der 2. Klasse anfangen musste Brille zu tragen, versteckte ich sie in meiner Tasche. Ich wollte nicht, dass mich die anderen hässlich finden und mich als Brillenschlange bezeichnen. Doch lange ging das nicht gut, denn dadurch, dass ich die Schrift auf der Tafel nicht erkannte musste ich immer von meiner Sitznachbarin abschreiben. Bis es ihr auch irgendwann zu blöd war und ich gezwungen war meine Brille aufzusetzen. Mit diesem Plastikgestell auf der Nase, fand ich mich also noch komischer als ich es eh schon tat.

Doch irgendwie behielt ich mir meine eigene verträumte Welt, für nach der Schule, bei. Eine Situation bringt es ziemlich gut auf den Punkt. Meine Mutter wartete nach der Schule darauf, dass ich Heim komme um zu essen, doch als ich nach einer Stunde nach Schulschluss immer noch nicht daheim war, machte sie sich Sorgen und ging den Weg, den ich zur Schule lief entlang. Dort fand sie mich, an einem Brunnen, der auf dem Weg liegt, wo ich allein mit dem Wasser spiele und die Zeit wohl total vergessen hatte.

Ich weiß noch, dass sich langsam aber sicher ein Gefühl einschlich, dass mich bis in die Essstörung begleitete und zwar mein Schuldgefühl. Ich fühlte mich schuldig, weil sich meine Mutter sorgte, ich fühlte mich schuldig, dass ich nicht so war wie die anderen Mädels aus meiner Klasse. Und ich fühlte mich schuldig, dass ich lieber mit Antonia spiele als mich mit den Leuten aus meiner Klasse zu verabreden.

Und weil ich mich daheim auch einsam fühlte, wuchs der Wunsch nach einer Schwester. Ich wünschte mir wohl jemanden der immer an meiner Seite ist. Also betete ich, ich bat Gott mir eine Schwester zu schenken. Und so kam es dann auch. Meine Schwester wurde geboren und ich liebte sie über alles. Weshalb ich auch früh lerne Verantwortung zu übernehmen. So wuchs das Verantwortungsgefühl gegenüber ihr und ich kümmerte mich um sie, spielte mit ihr und wir tanzten ständig. Es war eine tolle Zeit. Mein Vater war beruflich kaum zuhause und meine Mutter musste auch früh wieder arbeiten gehen. Doch sie taten alles dafür, um uns alles zu ermöglichen. Es fehlte uns an nichts Materielles und die Urlaube waren immer das Highlight des Jahres.

Ihr fragt euch jetzt bestimmt. Was fehlte dir dann?

Auch wann ich alles hatte, hatte ich nie das Gefühl, bedingungslos geliebt zu werden. Ich machte die Liebe die ich bekam, immer an meiner Leistung fest. Ich versuchte eine gute Schülerin, eine gute Freundin, eine gute Schwester und Tochter zu sein. Aber der innere Mangel in mir wurde nur noch größer.

So richtig schlimm wurde, es dann aber als ich auf die weiterführende Schule kam. Denn dort lernte ich die Person kennen, die mich nachhaltig geprägt hat. Ich lernte aber dort nicht nur sie kennen, sondern auch, meine beste Freundin die ich heute als Seelenverwandte bezeichnen würde und meine erste große Liebe.

Simona, das ist nicht ihr richtiger Name, aber so nenne ich sie jetzt mal. Simona kannte ich nicht von der Grundschule. Doch auswelchem Grund auch immer, schlossen wir uns zusammen und wurden Freundinnen. Sie bezeichnete mich relativ schnell als ihre beste Freundin und ich fühlte mich geschmeichelt. Doch sie wurde eifersüchtig und besitzergreifend. Das merkte ich vor allem, wenn sie sauer auf mich war, sobald ich was mit Antonia machte. Also verabredete ich mich nur noch heimlich mit Antonia, um der Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Ich hasste es, wenn sie ständig Gründe dafür fand einen Streit mit mir zu beginnen. Ich war halt auch die perfekte Zielscheide für ihre Anschuldigungen. Denn ich ließ einfach alles über mich ergehen und versuchte ihr alles recht zu machen. Es war so als würde ich auf Tretmienen laufen. Irgendwann schloss sie sich mit einem anderen Mädchen zusammen und für mir wurde es normal, dass es mindestens einmal die Woche krachte. Das schlimme waren aber nicht die Anschuldigungen wieder etwas falsch gemacht zu haben, sondern das anschließende Ignorieren, das meist Tage lang anhielt.

Es wurde letztendlich so schlimm, dass ich irgendwann sogar die Freundschaft mit Antonia beendete. Da ich diesen Druck nicht mehr aushielt. Und es bricht mir bis heute noch das Herz, wenn ich darüber nachdenke.

Aber vor allem verstand ich nicht, wie Simona mich immer noch als ihre beste Freundin bezeichnen konnte und ich fragte mich jedes Mal: Fühlt es sich so an eine beste Freundin zu haben? Teilweise tat ich vor meiner Mutter so als wäre ich krank, nur um nicht zur Schule gehen zu müssen, damit ich Simona nicht begegnete.

Irgendwann kam Kata in meine Klasse. Ich weiß, dass das Schicksal war. Denn als sie in mein Leben trat veränderte sich alles. Sie war durch ihre Art so anders und gleichzeitig so stark. Sie versuchte nicht irgendwo dazu zugehören. Obwohl sie aus einem anderen Land kam und schlecht Deutsch sprach und ganz offensichtlich nicht war wie der Rest der Klasse, zog sie ihr Ding durch. Leider kann ich mich nicht mehr dran erinnern wie wir uns befreundeten. Aber irgendwann waren wir Freundinnen und ich fühlte mich in ihrer Gegenwart so wohl wie lange nicht mehr. Ihr war Simona egal. Sie verteidigte mich und stand zu mir. Sie gab mir nicht weiter das Gefühl ständig schuld zu sein. Wir hatten eine unglaublich schöne Zeit. Bis ich die Schule wechselte und mit mir Simona.

Wir waren wieder zusammen in einer Klasse, doch etwas hatte sich verändert. Ich hatte nämlich meinen ersten Freund kennengelernt. Er gab mir die Liebe und Anerkennung die ich mir immer wünschte. Er gab mir den Halt den ich brauchte und wir waren unglaublich verliebt. Jedoch kippte die Beziehung sehr schnell in ein ungesundes Muster. Denn so wie bereits Simona wurde er auch immer besitzergreifender und eifersüchtiger. Wenn ich drauf zurückblicke, entwickelte sich in dieser Phase meine Essstörung. Denn durch die Pubertät veränderte sich auch mein Körper und ich nahm zu. Ich trieb aber gleichzeitig viel Sport und war bereits seit meinem 6. Lebensjahr im Leistungsschwimmen. Also auch wenn ich zunahm war ich immer im Normalgewicht. Jedoch bin ich, wie so viele andere mit einem Schönheitsideal aufgewachsen, wo wie Frau nur was Wert ist, wenn sie schön und schlank ist. So also auch meine Eltern, die die Gewichtszunahme als Anlass sahen, dieses immer mehr negativ zu kommentierten. Was sowieso an meinem nicht vorhanden Selbstbewusstsein nagte.

Die Beziehung ging also in eine sehr ungesunde Richtung und ich versuchte mich bereits nach kurzer Zeit der Beziehung, raus zu winden. Also machte ich Schluss, mit der Begründung andere Typen kennenlernen zu wollen. Ja, das war nicht so die feine Art. Ich hatte mit Sicherheit auch meinen Anteil dran, dass sich die Beziehung in eine unschöne Richtung bewegte. Und obwohl ich mich verhielt wie ein Arsch, tat er alles dafür um wieder mit mir zusammen zu sein. So kam es dann auch, wir kamen wieder zusammen. Doch kurze Zeit später machte er mit mir Schluss, weil er den Gedanken nicht aushielt, mich mit anderen Typen getroffen zu haben und er brach mir das Herz.

Ich fühle mich mal wieder so schuldig und ich hatte meinen ersten Liebeskummer. Wodurch ich abnahm, weil mir schlichtweg der Appetit fehlte. Dazu kam, dass meine Abnahme meinen Eltern auffiel und ich dafür anerkannt wurde, sie machten mir Komplimente und ich war stolz drauf.

Es war als hätte ich das erste Mal in meinem Leben etwas unter Kontrolle. Wenn ich schon nicht das was um mich herum passiert kontrollieren kann, dann kontrolliere ich meinen Körper.

So begann ich meine erste Diät. Ich studierte sämtliche Nährwert Tabellen bis ich die Kalorienanzahl aller Lebensmittel auswendig kannte. Und während ich damit beschäftigt war die Zeit, mit meinem neu entdeckten Thema zu füllen. Kam mein Ex-Freund wieder zurück und flehte, wieder mit mir zusammen zu sein. Natürlich nahm ich ihn wieder zurück. Doch etwas hatte sich verändert. Ich hatte nun eine neue “Superkraft“, die mich ganz nebenbei alles um mich herum vergessen ließ.

Den umso mehr ich mich mit dem Essen und nicht Essen beschäftigte, umso weiter rückten meine Gefühle in den Hintergrund.

Es wurde immer zwanghafter. Meine Eltern bemerkten die Veränderung. Ich hatte immer mehr ausreden parat nicht zu essen. Jeden Abend vor dem Schlafen gehen musste ich mind. 1 Stunde Sport machen, was meine Eltern bemerkten, da ihr Schlafzimmer unter meinem Kinderzimmer lag. Meine Kalorien Tracking App wurde zu meiner besten Freundin und wenn nicht jeder Kaugummi getrackt wurde, bekam ich buchstäblich Panik.

Ich kann nicht sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bemerkte wie krankhaft das alles wurde, denn ich wollte um nichts auf der Welt dieses Verhalten ändern. Und jedes Mal, wenn mich meine Eltern zwangen zu essen wurde ich so wütend. Es war so, als hätte die Magersucht die volle Kontrolle bereits über mich erlangt. Jedoch war Ich immer noch Ich und somit war auch mein Harmonie Bedürfnis höher als, dass ich in Kauf bekommen hätte, dass sich meine Eltern Sorgen machten und wir ständig stritten. Also musste ich einen anderen Weg finden weiterhin die Kontrolle zu behalten und nach außen hin gesund zu wirken.

Die Bulimie trat in mein Leben.

Doch so einfach war das nicht. Nur weil ich nun so tat als würde ich essen, es aber anschließend auskotzte, nahm ich nicht automatisch zu. Und irgendwie war ich auch nicht bereit dazu zuzunehmen.

Ich erreichte meinen ersten Tiefpunkt und das erste Mal einen Funken Willen, gesund werden zu wollen.


Ich weiß noch wie ich mit meinem Ex und seinen Eltern im Urlaub auf einer Herberge waren. Es gab nur Gemeinschaftsduschen und ich wartete, bis die Dusche leer war, so dass ich duschen gehen konnte. Ich wollte nicht, dass mich andere nackt sehen. Als ich aus der Dusche kam und in den Spiegel an der Wand schaute, (es war nur ein Schulterhoher Spiegel, man sah nicht den ganzen Körper) schaute ich nicht in mein Spiegelbild, es war das Bild einer lebenden Leiche. Ich erschrak vor mir selbst.

Es war so als hätte ich meinen Körper verlassen und sah nun von der Seite auf mich drauf. Und das was ich sah, war das Resultat der vergangenen Jahre. Ich hatte meinen Körper ausgehungert und ich sah es erst jetzt.

In diesem Augenblick fühlte ich mich so unglaublich hilflos. Ich wusste nicht, wie ich es hier raus schaffen sollte. Doch die Mauer, die ich um mich herum gebaut hatte, war so hoch, dass ich einfach wieder hoch ging und so tat als wäre nichts gewesen. In den vergangenen Jahren habe ich all meine Gefühle so weit in die Tiefe meiner Seele verborgen, dass ich in diesem Moment mit niemanden darüber reden konnte, wie hilflos und traurig ich mich fühle. Also verdrängte ich all diese Gefühle wieder dahin, wo ich sie nicht spüren musste.

Doch irgendwas in mir wusste ab diesem Moment, dass wenn ich jetzt nichts unternehme, ich sterben werde. Es kam die Zeit, als ich mich zwang das Essen drin zu behalten. Doch spätestens nach einem Tag wurde ich wieder rückfällig. Ich dachte mir: „Es kann doch nicht so schwer sein gesund zu werden“. Ich war nämlich immer der Meinung, dass wenn ich wirklich gesund werden wollen würde, ich es auch ganz einfach schaffe. Doch ich verstand erst jetzt, wie tief ich drinsteckte. Also gab ich nach den ersten Versuchen bereits auf, da die Essstörung für mich doch sicherer war, als mich in die Tiefe Ungewissheit zu wagen.

Als ich 16 war, fuhr ich das letzte Mal mit meinen Eltern in den Urlaub und es machte mir Angst. Denn die nächsten 2 Wochen würde ich nun ständig mit meinen Eltern zusammen sein. Wodurch ich meine Essstörung nicht verstecken konnte.

Ich weiß noch, wie ich die Waage sogar in meinen Koffer mit schmuggelte, um mich heimlich zu wiegen. Denn die Vorstellung einen Tag nicht zu wissen, ob ich 100 g mehr wiege oder nicht machte mich verrückt.

Am Buffet aß ich immer nur Wassermelone, während meine Eltern mich ständig aufforderten mehr zu essen. Eines Abends zwang mich meine Mutter zumindest eine Suppe zu essen, was ich dann auch tat. Doch das schlechte Gewissen war kaum auszuhalten und ich sperrte mich im Bad ein, um mich zu erbrechen. Doch an diesem Abend konnte ich es nicht, es kam einfach nichts hoch. Plötzlich klopfte meine Mutter an der Tür, sie wusste was ich tat und wollte es sofort unterbinden. Mein Herz bleib stehen und ich war so in Panik, dass ich nicht anders konnte als ihr zu öffnen.

Mein Schuldgefühl war so groß wie noch nie in meinem Leben. Dies war der zweite Tiefpunkt. Eigentlich wären wir noch raus gegangen, um einen schönen Abend zu verbringen. Aber ich war so fertig, dass ich mich in mein Bett verkroch und einfach nur noch weinte. Ich war allein im Haus und ich spürte wie mich die Einsamkeit einnahm. Ein weiters Gefühl, das mich die nächsten Jahre auf Schritt und Tritt begleiten sollte. Am nächsten Tag nahm meine Mutter die Waage und schmiss sie aus dem Fenster. Eigentlich hätte ich gedacht, dass ich deshalb in Panik verfallen würde, doch es machte sich Erleichterung in mir breit. Ich spürte wie eine Last von mir fiel.

Doch damit war es nicht vorbei mit dem Kalorien zählen, oder den Gedanken um mein Gewicht. Ich suchte andere Wege, um mich zu wiegen. Überall wo ich war, suchte ich eine Waage auf, um mich drauf zu stellen.

Meine Essstörung entging niemandem mehr in meinem Umfeld. Fast alle machten sich sorgen oder waren sauer, weil sie nicht verstehen konnten, wie ich mich selbst so kaputt machen konnte.

Auch wenn ich nach Außen hin immer so tat als wäre alles gut und ich schon wüsste was ich tat. Es war offensichtlich für die Menschen, die mich kannten.

So also auch die Mutter meines Ex Freundes. Denn so wie ich mit mir zu kämpfen hatte, hatte es auch mein Ex Freund nur hatte ich keinerlei Raum, um überhaupt wahrzunehmen, wie es ihm damals ging. Seine Mutter beschäftigte sich zu dieser Zeit mit Persönlichkeitsentwicklung und lud uns zu einem der Seminare von Christian Bischoff ein. Es war das erste Mal, dass ich fühlte, dass das hinter meiner Essstörung mehr liegt als das Essen. Es waren nur zwei Seminartage. Aber nach diesen zwei Tagen hatte sich etwas geändert.

Der Wunsch wurde in mir geboren herauszufinden, was sich in den Tiefen meiner Seele verbirgt.

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