Essstörung

Mein Körper. Mein Zuhause. Mein Wunder.

Lieber Körper,

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, diesen Brief an dich zu schreiben. Du bist mein Zuhause. Seit der ersten Sekunde. Seit meinem ersten Atemzug warst du bei mir. Hast es mir ermöglicht zu greifen, zu fühlen und zu schmecken.

Du bist zusammen mit mir die ersten wackligen Schritte gegangen und hast geübt das Gleichgewicht zu halten. Und auch wenn wir manchmal hingefallen sind, hast du dich direkt wieder aufgerappelt.

Wir haben das erste Eis gegessen, und ich habe gemeinsam mit dir gelernt zu klettern und die Welt mit leuchtenden Kinderaugen zu entdecken.

Diese Augen, ohne die ich all das, was mir im Leben begegnet ist, überhaupt nicht hätte sehen können.

Du hast jeden Schnitt und jede Schürfwunde wie durch Zauberhand geheilt. Wir sind gewachsen und bei jeder Herausforderung, die mir begegnet ist, warst du da. An meiner Seite. Du hast immer einhundert Prozent gegeben.

Du bist so schnell gerannt wie möglich, hast gelernt zu schwimmen und auf einem Bein zu balancieren. Du hast nie Nein gesagt. Du warst bei allem dabei. Und hast immer dein Bestes gegeben.

Und in allen Situationen, in denen meine Seele gebrochen war und ich nicht mehr weiter wusste – hast du weitergemacht.

Atemzug für Atemzug. Herzschlag für Herzschlag.

Auch wenn in meinem Kopf Chaos war, hast du dafür gesorgt, dass ich am Leben bleibe. Hast wie ein kleines Kraftwerk alles strukturiert und aufgepasst, dass du richtig funktionieren kannst.

Du hast mir Hunger signalisiert, wenn wir Energie brauchten. Du hast mich müde werden lassen, wenn wir Erholung brauchten. Wenn ich zu wenig getrunken habe, hast du mir das mitgeteilt. Mit deinen Zeichen und Signalen hast du immer einen Weg gefunden, um mit mir zu sprechen.

Und dann habe ich irgendwann nicht mehr zugehört.

Zunächst habe ich habe nur den Kontakt zu dir verloren, wie zu einem Kindergartenfreund, den man plötzlich aus seinem Leben ausschließt. Mit dem man einfach irgendwann nicht mehr spricht, obwohl er sich immer wieder meldet.

Du warst nie Schuld. Auch, wenn ich dir oft die Schuld gegeben habe.

Du hattest nie die Möglichkeit dich gegen die Essstörung zu entscheiden, denn du warst ja die ganze Zeit da. Und warst nicht nur darin gefangen, sondern plötzlich mein Feind.

Nach all den Jahren, die du mit mir gemeinsam verbracht und in denen du alles für mich getan hast, warst du plötzlich mein größter Feind.

Ich habe dich lebensbedrohlich krank gemacht und jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte, dass es dir besser geht, habe ich versucht weniger zu essen, um wieder krank zu werden.

Am liebsten hätte ich Teile von dir abgeschnitten, um dünner zu sein.

Deine flehenden Signale nach Nahrung habe ich ignoriert. Die Magenschmerzen waren eine Bestätigung, dass ich alles richtig machte.

Statt mich um dich zu kümmern, habe ich dich unter der Dusche bei eiskaltem Wasser frieren lassen, um Kalorien zu verbrennen.

Ich habe dich stundenlang auf dem Laufband gequält, obwohl du keine Kraft hattest und dringend Ruhe gebraucht hättest.

Verzweifelt hast du dich an jede Kalorie geklammert, um zu überleben und ich habe dich dafür gehasst. Du wolltest einfach nur leben. Und ich habe dich dafür gehasst. Und es tut mir so leid.

Ich habe geglaubt, dass ich wertvoller bin, wenn ich dich verändere. Wenn ich dich todkrank mache. Ich habe geglaubt, dass ich mehr geliebt werde, wenn du dafür leidest. Ich habe geglaubt, dass ich glücklich bin, wenn ich dich endlich so verändern kann, wie meine Essstörung es mir erzählt hat.

Ich hatte nie das Gefühl, dass obwohl du immer unermüdlich alles getan hast, um mich am Leben zu halten, es irgendwann einfach nicht mehr kannst.

Dass du keine Kraft mehr hast, um mein Herz schlagen zu lassen. Dass du so unterernährt bist, dass es keine Rettung mehr gibt. Dass du zu schwach bist um weiterzuleben.

Und das auch, wenn ich dann etwas verändern möchte, keine Gelegenheit mehr habe, weil es zu spät ist. Weil ich die Chance, diesen Kontakt zu dir wieder herzustellen verpasst habe.

Und weil es keinen anderen Körper gibt, der mich durch dieses Leben trägt. Weil ich nur dich habe und es dich nur ein einziges Mal auf dieser Welt gibt. Ganz egal, wie du aussiehst.

Du, mein Körper, du bist ein einziges Wunder. Mit deinen Lungen. Mit den ganzen Organen, die wie kleine Kunstwerke in mir angeordnet sind. Alles hat seinen eigenen Platz. Mit deiner Haut, die mich schützt und mit kleinen Pölsterchen, die wichtige Knochen liebevoll umschließen, damit sie sich nicht an harten Gegenständen verletzen.

Wie durch Magie lässt du Haare oder Fingernägel wachsen. Kühlst mich ab, wenn es heiß ist und wärmst mich, wenn ich friere.

Du bist wunderschön. Und ich bin so dankbar, dass es dich gibt. Dass ich in dir wohnen darf. Dass du mein Zuhause bist. Mein Ort in mir.

Meine Sicherheit, die mich im Leben begleitet und die, egal was passiert immer da ist. Bitte vergib mir, dass ich an dir gezweifelt habe.

Bitte vergib mir, dass ich geglaubt habe, du wärst gegen mich. Du warst nie gegen mich. Du hast alles dafür getan, damit ich am Leben bleibe.

Ich weiß, dass du lange auf diesen Brief gewartet hast und ich verspreche dir, dass ich mich an ihn erinnern werde, wenn ich an unserer Beziehung zweifle.

Ich bin jetzt bereit dafür, dass du wieder zu dem Freund wirst, der du damals für mich warst.

Ich bin jetzt bereit wieder in Kontakt mit dir zu treten und deine Stimme zu hören. Und vor allem bin ich bereit Zeit und Arbeit in unsere Beziehung zu investieren. Ich weiß, dass es nicht leicht wird. Ich weiß, dass es Tage gibt, an denen ich zweifle, aber ich werde alles dafür geben, damit diese Beziehung funktioniert. Damit ich endlich so hundertprozentig für dich da sein kann, wie du es für mich immer warst.

Ich verspreche dir, dass ich üben werde, deine Signale und Zeichen wieder zu hören. Ich verspreche dir, dass ich lernen werde, deine Bedürfnisse zu respektieren.

Ich verspreche dir, dass ich aufhören werde an dir zu zweifeln.

Und vor allem verspreche ich dir, dass ich mich immer wieder daran erinnern werde, was du mit jedem Atemzug und mit jedem Herzschlag für mich tust.

Du bist der einzige Körper, den ich habe. Und der beste Körper, den ich mir vorstellen kann, du bist mein Körper. Und ich bin bereit Frieden mit dir zu schließen.

Ich bin bereit all die Jahre, die noch vor uns liegen gemeinsam mit dir zu gehen. Ich bin bereit mit dir statt gegen dich zu kämpfen. Denn du warst nie gegen mich.

Du warst immer für mich da. Mein Körper. Mein Zuhause. Mein Wunder.

Ich liebe dich.

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